Der Halbleitermarkt – Ein Blick auf die aktuelle Lage

Ohne Halbleiter läuft nichts mehr. Sie sind die Taktgeber einer längst digitalen Welt. Doch der Markt für die begehrten Chips ist volatil, die Lieferketten fragil wie nie zuvor. Wo liegen die Ursachen dieser globalen Schieflage?


Aus einen Silizium-Wafer können mehrere Hundert Mikrochips hergestellt werden.
Aus einen Silizium-Wafer können mehrere Hundert Mikrochips hergestellt werden.

Ob Toaster, Smartphone, Auto oder Staubsaugerroboter: Die unscheinbaren Halbleiter sind heutzutage in nahezu allen elektronischen Geräten enthalten. Dort führen sie zentrale Rechen- und Steuerungsoperationen aus oder speichern Daten. Vor allem die Automobilindustrie ist auf eine ausreichende Versorgung angewiesen – und deren Nachfrage wird unter anderem durch den E-Auto-Boom weiter zunehmen. Die derzeitige Knappheit hat Folgen: Allein im Jahr 2021 konnten 7,7 Millionen Autos nicht wie geplant gebaut werden, weil die passenden Halbleiter fehlten.


Wer verstehen will, wie es zur aktuellen Lage kommen konnte, muss zunächst einen Blick auf die Produktion von Mikrochips werfen:


Wie werden Mikrochips hergestellt?

Die Basis für die Herstellung von Mikrochips bilden sogenannte Wafer. Das sind dünne runde Platten aus Silizium, einem Halbleiter, der aus Quarzsand gewonnen wird. Durch Prozesse wie Ätzen, Lasern und Lackieren entstehen dann die Schaltkreise auf der Oberfläche des Wafers, die dem Mikrochip ihre spezifische Funktion verleihen. Zuletzt werden die Chips ausgestanzt und zum Schutz in eine Plastikverkleidung gepackt.


Welche Akteure sind an der Produktion von Mikrochips beteiligt?

Der globale Wafer-Markt ist größtenteils unter fünf führenden Herstellern aufgeteilt – drei davon haben ihren Sitz in Asien. Gemeinsam produzieren sie über 50 Prozent der Wafer. Im Jahr 2020 hatte der japanische Hersteller Shin-Etsu allein eine Marktbeteiligung von einem Drittel.


Nach der Herstellung werden die Wafer in den Halbleiterfabriken, auch Fabs genannt, zu Mikrochips weiterverarbeitet. Auch diese Werke stehen meist in Asien; vor allem in China, Singapur, Taiwan, Südkorea und Japan. Mittlerweile weit abgeschlagen sind die USA mit einem Marktanteil von 12 Prozent und Europa mit 10 Prozent im Jahr 2021. Der Hauptgrund dafür ist, dass die asiatischen Produktionsländer den Bau neuer Werke mit Subventionen von 25 bis 40 Prozent bezuschussen. Besonders China befindet sich hier auf dem Vormarsch.


Damit ist klar: Die europäische Industrie ist abhängig von Importen aus Asien. Das macht die Lieferketten von Halbleitern angreifbar. Und genau diese Tatsache identifizieren Experten als einen der Hauptgründe für die derzeitige Mangelsituation.


Welche geopolitische Dimension hat die Knappheit?

Der Handel mit Mikrochips trifft momentan auf eine schwierige weltpolitische Lage. China und die USA kämpfen um die Vormachtstellung auf dem Technologiemarkt und drohen immer wieder mit Exportrestriktionen. Bereits während der Amtszeit von Donald Trump hat die Regierung der USA damit begonnen, China den Zugang zu spezieller Technologie zu erschweren, die für den Bau neuer Fabs benötigt wird. Und das hat auch Folgen für die europäische Wirtschaft: Wenn das Land seine Produktion nicht erhöhen kann, fehlt ein wichtiger Baustein, um die stark erhöhte weltweite Nachfrage zu befriedigen.


Und nicht nur das: Taiwan, das derzeit über die Hälfte aller Chips produziert, befindet sich in einer angespannten politischen Lage. China sieht in dem Inselstaat einen Teil seines Territoriums und droht ihm immer wieder mit einer militärischen Invasion. Sollte der Konflikt eskalieren, hätte vor allem die hiesige Wirtschaft unterbrochene Lieferketten und damit enorme Produktionseinbußen zu befürchten. Deutschland bezieht den Großteil der Halbleiter aus Taiwan.


Welchen Einfluss hat die Pandemie auf den Chipmarkt?

Die Covid-19-Pandemie hat unsere Welt auf den Kopf gestellt und ihre Auswirkungen auf den Chipmarkt sind sowohl vielschichtig als auch eng miteinander verwoben.


Im Frühjahr 2020 schickten Unternehmen weltweit ihre Büroarbeiter ins Homeoffice. Viele kauften sich für die Remote-Arbeit neue Geräte wie Laptops und auch die Unterhaltungselektronik erlebte einen Boom. Damit stieg die Nachfrage nach Halbleitern in kürzester Zeit enorm. Gleichzeitig befanden sich viele asiatische Länder immer wieder in strikten Lockdowns, sodass Ware nicht produziert oder ausgeliefert werden konnte. So stauten sich im Hafen von Shanghai – einem der größten weltweit – im Frühjahr 2022 zeitweise über 200.000 Container. Und da Produktionsunternehmen, vor allem die Automobilbauer, heutzutage zunehmend nach dem Just-in-time-Verfahren arbeiten, konnten sie nicht auf Reserven zurückgreifen. Die Produktion kam teilweise zum Erliegen.


Warum bauen wir nicht einfach neue Halbleiterfabriken?

Bereits kurz nachdem sich die Krise abzeichnete, wurden in Europa Stimmen aus Politik und Wirtschaft laut, die den Bau neuer Halbleiterfabriken forderten. Das Ziel: die steigende Nachfrage befriedigen, die Abhängigkeit von asiatischen Importen verringern und die Lücke zur Konkurrenz aus den USA schließen. Konkret plant die EU, die Produktion von Mikrochips bis 2030 zu verdoppeln, gemessen am heutigen Markt.


Doch das ist alles nicht so einfach, denn der Bau solcher Werke ist hochkomplex, langwierig und vor allem eins: teuer. Laut einem Bericht der US-amerikanischen Semiconductor Industry Association (SIA) kann der Bau einer neuen Fabrik rund 20 Milliarden US-Dollar kosten und Jahre dauern. Hinzu kommt, dass Kredite durch die Zinswende sehr teuer geworden sind, sodass unklar ist, ob sich das neu gebaute Werk überhaupt finanziell lohnen wird.


Derzeit ist ein Ende der Ausnahmesituation nicht in Sicht. Doch wie lässt sich diese neue Normalität gestalten, damit eine zuverlässige Versorgung mit Halbleitern sichergestellt werden kann?


Das erfahren Sie im zweiten Teil dieser Serie zum Halbleitermarkt.